Wind­kraft in Gauting – die Diskus­sion wird hitziger

Es ging wie ein Lauf­feuer durch die Gautinger Face­book-Gruppe („82131Gauting“) und auch der Starn­berger Merkur berich­tete ausführ­lich. Ein Gautinger Gemein­derat wurde an seinem privaten Wohn­haus mit  einem anonymen Plakat mit Belei­di­gungen und Drohungen an den Pranger gestellt, weil der Gautinger Gemein­derat eine Errich­tung von Wind­kraft­an­lagen in einem „Bürger­wind-Modell“ auf den Weg bringen will.

Die sichere Versor­gung mit Energie beun­ru­higt in Deutsch­land viele Menschen und nicht alle sind von der Wind­energie über­zeugt. Nachdem in einem Bürger­ent­scheid in Mehring (LK Altöt­ting) ein solches Vorhaben gekippt worden ist, wird die Diskus­sion auch in Gauting stärker pola­ri­siert. Bis hin zu persön­li­chen Atta­cken gegen ehren­amt­lich tätige Gemein­de­räte. Das ist unak­zep­tabel und bleibt hoffent­lich ein Ausnah­me­fall!

Trotzdem soll und darf natür­lich kritisch disku­tiert werden. Viele Bürger fragen nach Infor­ma­tionen und wollen die Thematik besser verstehen. Wir versu­chen dazu beizu­tragen.

Was ist in Gauting geplant?

Zwischen Königs­wiesen und Hausen sollen vier Anlagen und im Wald bei Buchen­dorf sechs Anlagen entstehen.  Bei Buchen­dorf waren ursprüng­lich vier Anlagen vorge­sehen, die Erhö­hung kam zustande auf Wunsch der Buchen­dorfer Eigen­tü­mer­ge­nos­sen­schaft des Recht­ler­waldes, die auf ihrem Grund gerne vier Anlagen reali­sieren wollen bei gleich­zeitig möglichst großer Entfer­nung von den Häusern in Buchen­dorf.

Wer entscheidet das eigent­lich, wie ist die Rechts­lage?

Bereits 2012 wurden in einem rechts­kräf­tigen Teil­flä­chen­nut­zungs­plan für Gauting „Konzen­tra­ti­ons­flä­chen“ ausge­wiesen, in denen Wind­kraft­an­lagen zulässig und baupla­nungs­recht­lich möglich sind. Prak­ti­sche Auswir­kungen hatte das lange nicht, bis die Bundes­re­gie­rung durch das „Wind an Land-Gesetz“ den Ländern und Kommunen die Daumen­schrauben ange­legt hatte. Wenn jetzt nicht zeitnah mehr Wind­kraft­an­lagen entstehen, sind diese Anlagen ab 2027 überall im Außen­ge­biet – und nicht nur in den ausge­wie­senen Konzen­tra­ti­ons­flä­chen — planungs­recht­lich zulässig, Gemeinden und Land­kreise verlieren daraufhin ihr Planungs­recht. Wo Wind­kraft­an­lagen dann entstehen werden, ist nur noch von mögli­chen Inves­toren und den Grund­stücks­ei­gen­tü­mern abhängig, die konkrete Projekte in Angriff nehmen wollen.

Die planungs­recht­liche Zuläs­sig­keit, der bei Königs­wiesen und bei Buchen­dorf geplanten Wind­räder ist also bereits gegeben, aber natür­lich kann nicht unmit­telbar gebaut werden. Die Bauge­neh­mi­gung für ein konkretes Projekt erteilt das Land­ratsamt, wenn dafür alle Voraus­set­zungen erfüllt sind. Dazu gehört u.a. eine natur- und arten­schutz­recht­liche Prüfung genauso wie die Einhal­tung der Abstände zu Flug­ver­bots­zonen (Flug­hafen Ober­pfaf­fen­hofen, Bundes­wehr). Dies alles ist derzeit in der Erar­bei­tung.

Wie ist die Haltung des Gautinger Gemein­de­rates?

Der Gautinger Gemein­derat besteht aus sieben Frak­tionen, die natür­lich ganz unter­schied­liche Schwer­punkte und Ziele haben. Und bei der Frage der „rich­tigen“ Ener­gie­po­litik für Deutsch­land auch unter­schied­liche Posi­tionen einnehmen. In einem ist man sich aber einig. Poli­ti­sche Debatten und Frage­stel­lungen, die auf Bundes­ebene zu führen und zu entscheiden sind, gehören nicht in den Gemein­derat. Hier geht es darum, best­mög­liche Lösungen für die Gautinger Bürger und die Gemeinde insge­samt zu errei­chen. Und natür­lich muss sich der Gemein­derat an Recht und Gesetz dabei halten.  Vor diesem Hinter­grund will der Gautinger Gemein­derat sich beim Thema Wind­kraft nicht das „Heft aus der Hand“ nehmen lassen. Wichtig ist:

  • Abwarten und laufen lassen und am Ende entsteht ein Wild­wuchs an Wind­rä­dern, bei denen Eigen­tümer und Inves­toren ohne beson­dere Rück­sicht auf Gautinger Belange ihre Inter­essen durch­setzen, wäre die schlech­teste Option
  • Die bessere Alter­na­tive ist die Entwick­lung eines Gesamt­kon­zeptes auf den heute planungs­recht­lich zuläs­sigen Gebieten
  • Die finan­ziell knappe Gemeinde Gauting soll wirt­schaft­lich von Wind­kraft­an­lagen profi­tieren können, weil der Betreiber sie mit der Kommu­nal­be­tei­li­gung nach dem EEG von dem hier vor Ort erzeugten Strom profi­tieren lässt (0,2 ct/kwh)
  • Die Gemeinde soll drin­gend benö­tigte Gewer­be­steu­er­ein­nahmen erhalten, weil der Betreiber kein auswär­tiger Eigen­tümer ist, sondern ein Gautinger Unter­nehmen
  • Gautinger Bürger, die sich – wie in der Gemeinde Berg – wirt­schaft­lich an den Wind­kraft­an­lagen betei­ligen wollen, sollen hierzu eine Möglich­keit bekommen mit einem seriösen und fach­kun­digen Initiator aus der Region

Die Feder­füh­rung für das Projekt trägt der Lands­berger Inge­nieur Robert Sing mit seinem Team, die ausge­wie­sene Experten sind und über Refe­renzen für die Reali­sie­rung solcher Anlagen verfügen (u.a. auch in Berg). Investor für die Anlagen wird die „Bürger­wind Gauting GmbH & Co KG“ sein, an der Herr Sing sich mit 20 % betei­ligen wird (und damit auch ins wirt­schaft­liche Risiko geht). Die verblei­benden 80 % werden Gautinger Bürger erwerben können. Konkret erst dann, wenn die Finan­zie­rung insge­samt gesi­chert ist, alle erfor­der­li­chen Geneh­mi­gungen vorliegen und das wirt­schaft­liche Konzept geprüft vorliegt.

Die Grund­vor­aus­set­zung – verbind­liche Zustim­mung der Grund­stücks­ei­gen­tümer Bay.Staatsforsten (auch in Königs­wiesen), Buchen­dorfer Eigen­tü­mer­ge­nos­sen­schaft des Recht­ler­waldes und der Gemeinde Gauting – ist bei diesem Reali­sie­rungs­kon­zept gesi­chert.

Was sagen die Kritiker?

Es gibt eine aus sieben Bürgern (verant­wort­lich Dr. Hiero­nymus Fischer) bestehende Bürger­initia­tive, die die Wind­kraft­pläne vehe­ment ablehnt und mit Eingaben und Veran­stal­tungen versucht, die Errich­tung zu verhin­dern und bereits ange­kün­digt hat alle recht­li­chen Mittel dagegen zu nutzen. Diese Gruppe hat sich – erfreu­li­cher­weise! – von der Drohak­tion gegen den Gautinger Gemein­derat öffent­lich distan­ziert.

Auch in der Gautinger Face­book-Gruppe gibt es zahl­reiche kriti­sche oder ableh­nende Äuße­rungen. In der Regel geht es dabei aber nicht um konkrete Aspekte der Gautinger Planungen, sondern grund­sätz­liche Fragen der Ener­gie­po­litik. Ohne Anspruch auf Voll­stän­dig­keit gibt es folgende Haupt­ar­gu­mente, die aller­dings nicht von allen geteilt werden:

  • Der Umstieg auf erneu­er­bare Ener­gien ist nicht erfor­der­lich, weil der Klima­wandel nicht primär menschen­ge­macht sei, sondern auch auf natür­li­chen Prozessen beruhe, die es erdge­schicht­lich immer wieder gegeben habe
  • Wind­kraft macht im eher wind­schwa­chen Süden ökono­misch keinen Sinn und ein solches Projekt werde wirt­schaft­lich schei­tern
  • Es sei nicht zu verant­worten den Schutz von Natur und Umwelt zurück­zu­stellen und insbe­son­dere den Eingriff in den Wald für Wind­räder vorzu­nehmen. Einige kriti­sieren dabei insbe­son­dere die poli­ti­schen Kräfte, die bei der Entwick­lung von Gewer­be­ge­bieten oft in der vordersten Front der Ableh­nung stehen und jetzt die Errich­tung von Wind­rä­dern im Wald beson­ders forcieren
  • Kritik an der deut­schen Ener­gie­po­litik, die CO2 freie Atom­kraft­werke abschaltet, dafür Kohle­kraft­werke länger laufen lässt und Atom­strom aus dem Ausland impor­tiert und sich einseitig auf vola­tilen Wind- und Sonnen­strom fest­legt, die den Indus­trie­standort Deutsch­land gefährdet (Proble­matik der „Dunkel­flaute“ in wind­schwa­chen Zeiten in den Winter­mo­naten)

Wird es zum Bürger­ent­scheid über die Gautinger Wind­räder kommen?

Diese Frage taucht insbe­son­dere verstärkt auf, seitdem Ende Januar in Mehring die Bürger den Bau von 10 Wind­kraft­an­lagen abge­lehnt haben.

Wir wollen hier nicht speku­lieren und die recht­li­chen Voraus­set­zungen für Bürger­ent­scheide im Einzelnen refe­rieren. Verein­facht kann man aber sagen, dass ein Bürger­ent­scheid nur zu solchen Fragen möglich ist, über die sonst der Gemein­derat entscheiden würde.

Da im Land­kreis Starn­berg und auch für Gauting bereits 2012 rechts­kräftig Flächen für Wind­kraft­an­lagen im Teil­flä­chen­nut­zungs­plan fest­ge­legt wurden, kann ein Bürger­ent­scheid gegen die Zuläs­sig­keit solcher Anlagen 12 Jahre später nicht mehr erfolgen. Damals wäre dies mögli­cher­weise anders gewesen, aber man kann ja nicht in die Vergan­gen­heit zurück­springen.

Ob gegen Teil­aspekte des Konzeptes – z. B. die Möglich­keit einer wirt­schaft­li­chen Betei­li­gung durch Gautinger Bürger – ein Bürger­ent­scheid möglich wäre, können wir nicht beur­teilen.

Fazit

Ziel dieses Beitrages ist es, dem inter­es­sierten Bürger einen konzen­trierten Über­blick über die Thematik „Wind­kraft in Gauting“ zu geben. Als regio­nale und über­par­tei­liche Bürger­initia­tive werden wir zu ideo­lo­gi­schen Debatten über Fragen der Ener­gie­po­litik, die nicht in Gauting gelöst werden können, nicht posi­tio­nieren, wie wir bereits letztes Jahr in unserem Bericht über die öffent­liche Sitzung des Gemein­de­rates erklärt haben.

Wichtig erscheint es uns aber, dass die Debatte respekt­voll gegen­über dem anderen geführt wird, auch wenn er mögli­cher­weise eine andere Posi­tion hat.

Und der Gemeinde und den Initia­toren ist zu empfehlen, auch weiterhin sehr offen und trans­pa­rent über die Fort­ent­wick­lung der Pläne und insbe­son­dere zu den Chancen und Risiken einer Bürger­be­tei­li­gung an den Wind­rä­dern zu infor­mieren. Nur so kann es gelingen Akzep­tanz zu erlangen.

Die Kritiker sollten darauf achten, dass nicht Radi­kale und Anti-Demo­kraten versu­chen auf ihre Akti­vi­täten „aufzu­springen“. Eine möglichst sach­be­zo­gene und auf die Belange vor Ort bezo­gene Diskus­sion würde dabei helfen.

Weiter­füh­rende Berichte

In der Presse erschienen Berichte, dass inter­es­sierte Bürger von Gauting sich an den vom Land­kreis München im Fors­ten­rieder Park geplanten Wind­rä­dern (nicht zu verwech­seln mit den Plänen für Buchen­dorf) Ende 2024 betei­ligen können. Nähere Infos finden Sie hier.

Über die Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung der Gemeinde Gauting im November 2023 berich­teten der Starn­berger Merkur und die SZ.

Die oben erwähnte wind­kraft­kri­ti­sche Bürger­initia­tive hat auch eine im Aufbau befind­liche Webseite.