Geothermie – viel Hoff­nung, aber noch wird im  Nebel gesto­chert!

So voll war es auf den Zuschau­er­rängen im Gemein­derat schon lange nicht mehr – bis in den Vorraum drän­gelten sich die Bürger. „Wie steht es um die Geothermie-Pläne für Gauting?“ hatte sie ins Rathaus gelockt.

Und es hat sich gelohnt. Ein wenig mehr Klar­heit wurde geschaffen. Die 1. Bürger­meis­terin Dr. Brigitte Kössinger hatte auf Bitten des Gemein­de­rates die Chefs der verant­wort­li­chen Projekt­partner einge­laden, die den hart­nä­ckigen Fragen der Gemein­de­räte Rede und Antwort standen.

Dr. Bernd Schulte-Midde­lich und sein Sohn Patrick von der Silenos Energy und Herr Felix Kosselek von der Strabag erläu­terten zunächst den Stand der Vorbe­rei­tungen der eigent­li­chen Tiefen­boh­rung. Und hier ist inzwi­schen einiges erreicht worden:

  • Die zentrale Bohr­ge­neh­mi­gung – der sog. Haupt­be­triebs­plan – ist im Oktober 2024 erteilt worden
  • Die tech­ni­schen Planungen sind abge­schlossen, auch die Trasse vom Bohr­loch bis hin zum Über­ga­be­punkt an die Geothermie Gauting, die das Fern­wär­me­netz errichten wird, wurde fest­ge­legt
  • Die „Bundes­för­de­rung für effi­zi­ente Wärme­netzte“ (BEW) ist bei der BAFA bean­tragt, aber noch nicht bewil­ligt – hier geht es immerhin um 40 % der Inves­ti­ti­ons­summe, mit der der Steu­er­zahler das Vorhaben bezu­schusst wird
Übersicht Erreichte Meilensteine Geothermie

Und damit kommen wir zum entschei­denden Punkt des Projektes und dem Schwer­punkt der Diskus­sion im Gemein­derat. Wer wird die Geothermie am Ende nutzen und was kostet diese klima­neu­trale Wärme­ver­sor­gung den Verbrau­cher?

Das ist eben zur Zeit nicht klar und hier droht ein „Henne und Ei“-Problem.

Dr. Jochen Link, Vorstand der KWA Contrac­ting AG, die mit 95,2 % Anteil der Haupt­ge­sell­schafter der Geothermie Gauting ist (die rest­li­chen Anteile liegen bei der Gemeinde) erläu­terte den Stand der Planungen zum Aufbau eines Fern­wär­me­netztes für Gauting. Es soll mit den ersten Schlüs­sel­kunden begonnen werden, die auch räum­lich am nächsten zum Bohr­loch liegen. Zentral wich­tiger Groß­ab­nehmer soll die Askle­pios Klinik werden, die auch drin­gend verläss­liche Angaben zum Zeit­plan und den Kondi­tionen benö­tigt. Und dann schritt­weise weitere Gebiete entlang der Ammer­see­strasse – das Neubau­ge­biet Patchway Anger, aber auch die bestehenden Gebiete ange­fangen vom Hand­werker Hof bis hin zu den Wohn­ge­bieten.

Aber klar wurde auch – bevor die Silenos die „Fündig­keit“ nicht nach­ge­wiesen hat, also das erwar­tete warme Tiefen­wasser tatsäch­lich auch zur Verfü­gung steht, wird der Bau des Fern­wär­me­netzes nicht beginnen.

Silenos erwartet bis zum Sommer 2025 den Förder­be­scheid. Aufgrund langer Liefer­zeiten für Bohr­werk­zeuge soll dann im Sommer 2026 die Bohrung beginnen und zum Jahres­ende 2026 die Fündig­keit nach­ge­wiesen werden.

Und so erklärt sich auch, warum Dr. Link die erste Wärme­lie­fe­rung „nicht vor dem 3.Quartal 2028“ in Aussicht stellen wollte. Und auch nur dann, wenn bis zum Sommer diesen Jahres eine Verstän­di­gung mit der Silenos über Preis und die Rand­be­din­gungen für die Belie­fe­rung mit der aus der Geothermie gewon­nenen Wärme erzielt werden kann.

Silenos und KWA müssen rasch zentrale Punkte des Projektes klären

Und hier wurde sehr deut­lich, dass zwischen Silenos und KWA derzeit ein ziem­li­ches Ringen statt­findet. Und natür­lich steht im Hinter­grund, dass der Ausstieg der Gemeinde Gilching, die ja bereits ein Fern­wär­me­netz hat, offenbar auch mit den Preis­vor­stel­lungen der Silenos zu tun hatte. Versucht wurde dies durch wohl­klin­gende Formu­lie­rungen zu über­de­cken („wir wollen den Schatz für die Gautinger Bürger heben, den uns Mutter Erde uner­schöpf­lich bereit­stellt“). Immerhin gab es dann durch das hart­nä­ckige Nach­fragen einiger Gemein­de­räte etwas mehr Orien­tie­rung. Dr. Bernd Schulte-Midde­lich erläu­terte, dass derzeit der Preis für die kwh aus Geothermie in Bayern für den Endab­nehmer zwischen 12,3 und 19,3 ct liege. Das ist mehr als der aktu­elle Gaspreis (der um ca. 10–11 ct je kwh liegt, aber in den nächsten Jahren allein durch die CO2-Kosten konti­nu­ier­lich steigen wird). Schulte-Midde­lich sagte klar, dass Silenos die Wärme zu Preisen zur Verfü­gung stellen wolle, die für den Endkunden zu einem Preis „eher am unteren Rand der Band­breite“ führen werde. Wenn das so käme, wäre es sicher für viele Bürger ein inter­es­santes Angebot.

Das hängt aber auch davon ab, wie viele Verbrau­cher sich tatsäch­lich an die Geothermie anschließen werden, wenn sie in ihrer Straße zur Verfü­gung steht. Dr. Link erklärte, dass sein Ziel eine Anschluss­quote > 50 % sein werde. Hier wird sicher noch von Seiten der KWA viel Aufklä­rungs­ar­beit zu leisten sein. Als aus dem Gemein­derat nach­ge­hakt wurde, ob und in welcher Höhe denn Anschluss­kosten anfallen würde, wurde dies bejaht, aber keine konkrete Orien­tie­rung über die Höhe gegeben. Auch erwartet die KWA wohl, dass sich Anlieger an die Geothermie zum Zeit­punkt der Erschlie­ßung der jewei­ligen Straße binden. Und zwar auch, wenn sie dann noch eine intakte und nutzungs­fä­hige andere Heiz­ver­sor­gung haben (z.B. eine Gashei­zung , die deut­lich jünger als < 20 Jahre ist).

„Je mehr Bürger sich anschließen und je schneller dies geschieht, um so güns­tiger wird der Preis“ war die banal, aber auch etwas hilflos klin­gende Aussage von Seiten der KWA.

An einer guten und vertrau­ens­bil­denden Kommu­ni­ka­tion wird noch tüchtig gear­beitet werden müssen, wenn das große Inter­esse der Bürger auch zu posi­tiven Entschei­dungen führen soll. Und dazu gehört dann auch eine verläss­liche Klar­heit, wie Preis­an­pas­sungen begründet und erfolgen können. Denn wer sich einmal für die Fern­wärme entschieden hat, kann nicht mehr bei Preis­er­hö­hungen den Anbieter wech­seln. Das wurde am Diens­tag­abend nicht ansatz­weise klar.

Fazit: Das Projekt geht voran, die Projekt­be­tei­ligten wollen es ener­gisch weiter­treiben, müssen aber noch etliche Fragen – möglichst rasch – unter­ein­ander klären.

Und den Bürgern dann auch präzise und verläss­liche Infor­ma­tionen geben. Dr. Andreas Albath, Vorsit­zender von Zukunft­Gauting und unab­hän­giger Gemein­derat schlug am Ende der Bera­tung vor, den Termin im Herbst fort­zu­setzen. Denn bis dahin sollen ja viele der heute noch offenen Punkte geklärt sein. Sowohl Silenos wie KWA erklärten direkt ihre Bereit­schaft dazu. So kündigte Bürger­meis­terin Dr. Brigitte Kössinger am Ende an „Im Herbst sehen wir uns hier wieder“. Wir bleiben am Ball!

Und nächste Woche geht es direkt weiter – in einer Infor­ma­ti­ons­ver­an­stal­tung der Gemeinde können dann auch die Bürger direkt ihre Fragen zur „kommu­nalen Wärme­pla­nung“ stellen. Und es wird sicher auch Infor­ma­tionen geben, welche Alter­na­tiven es geben wird, falls das Geothermie-Projekt schei­tert. Rathaus Gauting am Mitt­woch, 26.3.2021 um 19 Uhr.